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European Sovereign Stack Standard (ES³): Was der neue Souveränitätsstandard für Ihre KI-Strategie bedeutet

Tobias Jonas Tobias Jonas | | 7 min Lesezeit

Digitale Souveränität ist in Europa kein Buzzword mehr – sie ist eine strategische Notwendigkeit. Doch bislang fehlte ein objektiver Maßstab, um zu bewerten, wie souverän eine Cloud-Lösung oder ein KI-Service tatsächlich ist. Schwarz Digits, die IT- und Digitalsparte der Schwarz Gruppe (Lidl, Kaufland), hat dieses Problem adressiert: Mit dem European Sovereign Stack Standard (ES³) gibt es erstmals ein messbares Framework für digitale Souveränität in Europa.

In diesem Beitrag erklären wir, was hinter ES³ steckt, wie das Reifegradmodell funktioniert – und ordnen unsere CompanyGPT-Deployment-Varianten in den neuen Standard ein.

Was ist der European Sovereign Stack Standard (ES³)?

Der ES³ ist ein umfassendes Souveränitätsprogramm, das Schwarz Digits auf der Hannover Messe 2026 vorgestellt hat. Es basiert auf dem EU Cloud Sovereignty Framework (CSF) der Europäischen Kommission und erweitert dieses um eine entscheidende neunte Dimension: Künstliche Intelligenz.

Das Kernstück ist das Sovereignty Maturity Level (SML) Framework – ein vierstufiges Reifegradmodell, das die digitale Souveränität von IT-Services anhand von über 100 Kriterien bewertet. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO verifiziert das Modell als unabhängige dritte Instanz.

Das Problem: Sovereignty Washing

Laut Bitkom (2024) begründen 82 % der Unternehmen ihre digitale Abhängigkeit von nicht-europäischen Anbietern mit dem Mangel an adäquaten europäischen Alternativen. Gleichzeitig nutzen viele Anbieter den Begriff „souverän" inflationär, ohne dass Kunden überprüfen können, was dahintersteckt. ES³ beendet dieses Sovereignty Washing durch messbare Kriterien und externe Audits.

Die neun Dimensionen digitaler Souveränität

Das SML-Framework bewertet IT-Services in neun Dimensionen, die aus dem EU Cloud Sovereignty Framework abgeleitet und erweitert wurden:

  1. Strategische Souveränität – Verankerung in der Unternehmensstrategie
  2. Rechtliche und jurisdiktionsbezogene Aspekte – Rechtsrahmen und Zugriffssicherheit
  3. Daten – Kontrolle über Datenhaltung und -verarbeitung
  4. Operative Unabhängigkeit – Fähigkeit zum eigenständigen Betrieb
  5. Lieferkette – Transparenz und Kontrolle der Zulieferer
  6. Technologie – Offene Standards und Open-Source-Komponenten
  7. Sicherheit und Compliance – Zertifizierungen und Sicherheitsmaßnahmen
  8. Ökologische Nachhaltigkeit – Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit
  9. Künstliche Intelligenz – Die neue neunte Dimension, die KI-spezifische Souveränität abdeckt

Jede Dimension wird auf drei Ebenen bewertet:

  • Regulatorisch (Verträge, SLAs, Vereinbarungen)
  • Organisatorisch (Prozesse, Verantwortlichkeiten, Governance)
  • Technologisch (technische Implementierung, Automatisierung, Architektur)

Die vier Reifegrade des SML-Frameworks

Level 1 – Initial

Starke Abhängigkeit von externen Anbietern. Prozesse sind reaktiv und ad hoc. Kein standardisiertes Verständnis für digitale Souveränität in der Strategie.

Level 2 – Managed

Digitale Abhängigkeiten sind dokumentiert. Erste Notfallpläne und grundlegende Fähigkeiten sind regelbasiert erfasst und kontrolliert.

Level 3 – Advanced

Souveränität ist als strategisches Ziel fest verankert. Für alle kritischen Services existieren geprüfte Alternativquellen oder klare Migrationspfade.

Level 4 – Future-Proof

Weitgehende digitale Autonomie. Kernprozesse basieren auf einer sicher kontrollierten Infrastruktur, offenen Standards und Open-Source-Komponenten. 100 % europäische DNA – echte Immunität gegen externen Zugriff, etwa durch den US CLOUD Act.

Das Minimum-Prinzip

Ein zentrales Element: Die Gesamtbewertung eines Services entspricht immer der niedrigsten erreichten Stufe über alle neun Dimensionen hinweg. Souveränität ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Ein Service, der in acht Dimensionen Level 4 erreicht, aber in einer einzigen Dimension nur Level 2, erhält insgesamt Level 2.

Warum ES³ für KI-Entscheidungen relevant ist

Die neunte Dimension „Künstliche Intelligenz" ist das, was ES³ besonders macht. Denn gerade bei KI-Services stellt sich die Souveränitätsfrage verschärft:

  • Wo werden Prompts und Antworten verarbeitet? Bei vielen KI-Services verlassen Daten die EU.
  • Welche Modelle werden eingesetzt? Frontier-Modelle von OpenAI, Anthropic oder Google werden häufig in US-Rechenzentren betrieben.
  • Wer hat Zugriff auf die Daten? Der US CLOUD Act ermöglicht US-Behörden potenziell Zugriff auf Daten, die von US-Unternehmen verarbeitet werden – auch wenn die Server in der EU stehen.
  • Werden Daten für Modelltraining verwendet? Bei vielen Consumer-KI-Diensten fließen Nutzerdaten ins Training.

Der ES³ schafft hier Transparenz und ermöglicht eine fundierte Entscheidung.

CompanyGPT im ES³-Kontext: Drei Deployment-Varianten

Unser CompanyGPT ist bewusst so konzipiert, dass Unternehmen ihre gewünschte Souveränitätsstufe selbst wählen können. Je nach Anforderung bieten wir drei Deployment-Varianten an – jede mit einem klaren ES³-Profil.

Variante 1: STACKIT Only – Maximale Souveränität (ES³ Level 4)

Für Unternehmen, die keine Kompromisse bei der Souveränität eingehen.

In der STACKIT-Only-Variante läuft die gesamte CompanyGPT-Infrastruktur auf STACKIT, dem europäischen Hyperscaler von Schwarz Digits:

  • LLM-Hosting über STACKIT AI Model Serving mit Modellen wie Llama, Mistral und Aleph Alpha
  • Datenbanken und Anwendungen auf STACKIT-Infrastruktur (PostgreSQL, Object Storage, Kubernetes)
  • Kein Kontakt zu US-Hyperscalern – keine Frontier-Modelle von OpenAI, Google oder Anthropic
  • Authentifizierung über Keycloak (wenn kein Entra ID vorhanden)
  • 100 % europäische DNA über die gesamte Wertschöpfungskette

ES³-Einordnung: Diese Variante kann die höchste Reifestufe Level 4 (Future-Proof) erreichen. Die gesamte Infrastruktur unterliegt europäischem Recht, es gibt keine Abhängigkeit von US-Mutterkonzernen, und die eingesetzten Modelle werden vollständig in Europa gehostet und betrieben.

Einschränkung: Es stehen keine Frontier-Modelle (GPT, Claude, Gemini) zur Verfügung. Für viele Anwendungsfälle – insbesondere RAG, Zusammenfassungen, Textgenerierung und interne Assistenten – sind die verfügbaren Open-Source-Modelle allerdings mehr als ausreichend.

Variante 2: STACKIT + Hyperscaler – Souveräner Kern mit optionaler Erweiterung (ES³ Level 2–3)

Für Unternehmen, die Souveränität als Standard wollen, aber punktuell Frontier-Modelle benötigen.

Diese Variante kombiniert das Beste aus beiden Welten:

  • Hosting, Datenbanken und Anwendungen laufen auf STACKIT
  • LLMs standardmäßig über STACKIT AI Model Serving
  • Optional erweiterbar um Frontier-Modelle:
    • Azure OpenAI (EU-Region): GPT-4o, GPT-4.1, GPT-5.1 (spätere Modelle wie GPT-5.5 sind derzeit nicht in der EU verfügbar)
    • Google Vertex AI (EU-Region): Gemini 2.5 (Gemini 3 ist derzeit nicht in der EU verfügbar)
    • Anthropic via Vertex AI/Azure: Claude Sonnet, Claude Opus
  • Authentifizierung über Keycloak oder Microsoft Entra ID

ES³-Einordnung: Der souveräne Kern auf STACKIT erreicht Level 3–4. Sobald Frontier-Modelle über Hyperscaler-APIs eingebunden werden, fällt die Gesamtbewertung aufgrund des Minimum-Prinzips auf Level 2–3, abhängig von der vertraglichen und organisatorischen Absicherung. Die Datenverarbeitung bleibt in der EU, aber die Anbieter unterliegen US-Jurisdiktion.

Vorteil: Unternehmen können pro Anwendungsfall entscheiden, ob ein souveränes Open-Source-Modell ausreicht oder ob die Leistung eines Frontier-Modells erforderlich ist. Die Plattform-Infrastruktur bleibt dabei durchgängig souverän.

Variante 3: CompanyGPT in Azure – Enterprise-Umgebung mit voller Modellauswahl (ES³ Level 2)

Für Unternehmen, die bereits eine Microsoft-Infrastruktur haben und maximale Modellvielfalt wollen.

In dieser Variante läuft CompanyGPT vollständig im eigenen Azure-Tenant des Kunden:

  • Hosting, Datenbanken und Anwendungen auf Azure (EU-Region)
  • LLMs über Azure OpenAI Service als Standardanbieter
  • Optionale Erweiterung über Google Vertex AI oder AWS Bedrock für Modelle, die bei Microsoft nicht verfügbar sind
  • Authentifizierung über Microsoft Entra ID (nahtlose M365-Integration)
  • Auf expliziten Wunsch: Zugang zu globalen Modellen (GPT-5.5, GPT-Image-2, Gemini 3), die derzeit nur außerhalb der EU verfügbar sind – dann aber nicht mehr DSGVO-konform

ES³-Einordnung: Bei reinem EU-Betrieb erreicht diese Variante Level 2 (Managed). Die Infrastruktur liegt bei einem US-Hyperscaler (Microsoft), der grundsätzlich dem US CLOUD Act unterliegt – auch wenn die Daten physisch in der EU verarbeitet werden. Durch vertragliche Absicherung (DPA, SCCs, EU Data Boundary) und organisatorische Maßnahmen lässt sich das Level stabilisieren.

Vorteil: Maximale Modellvielfalt, nahtlose Integration in bestehende Microsoft-365-Umgebungen und bewährte Enterprise-Governance-Prozesse. Für viele Unternehmen ist dies der pragmatische Einstieg, bevor eine Migration in Richtung STACKIT in Betracht gezogen wird.

Vergleichstabelle: CompanyGPT-Varianten im ES³-Raster

KriteriumSTACKIT OnlySTACKIT + HyperscalerAzure
ES³-LevelLevel 4 (Future-Proof)Level 2–3 (Managed–Advanced)Level 2 (Managed)
Infrastruktur100 % STACKITSTACKIT + Azure/Vertex AI100 % Azure
LLM-StandardSTACKIT AI Model ServingSTACKIT AI Model ServingAzure OpenAI
Frontier-ModelleNeinOptional (EU-Region)Ja (EU-Region)
Globale ModelleNeinNeinAuf Wunsch (nicht DSGVO-konform)
US-JurisdiktionKeineNur bei Frontier-ModellenJa (Microsoft)
CLOUD Act RisikoKeinesBegrenztVorhanden (vertraglich adressiert)
AuthentifizierungKeycloak / Entra IDKeycloak / Entra IDEntra ID
DSGVO-KonformitätVollständigVollständig (EU-Modelle)Vollständig (EU-Betrieb)
ModellbeispieleLlama, Mistral, Aleph Alpha+ Claude, Gemini 2.5, GPT-5.1+ GPT-5.5*, Gemini 3*, GPT-Image-2*

* Nur mit globaler Verarbeitung – nicht DSGVO-konform

Unsere Empfehlung: Souveränität als Default

Wir empfehlen unseren Kunden, Souveränität als Standard zu denken und nur dort Kompromisse einzugehen, wo es der konkrete Anwendungsfall erfordert:

  1. Starten Sie mit STACKIT als Default-Infrastruktur
  2. Nutzen Sie STACKIT AI Model Serving für den Großteil Ihrer KI-Anwendungsfälle
  3. Aktivieren Sie Frontier-Modelle gezielt – pro Agent, pro Anwendungsfall, pro Abteilung
  4. Dokumentieren Sie Ihre Souveränitätsentscheidungen – der ES³ gibt Ihnen den Rahmen dafür

So erreichen Sie die bestmögliche Balance zwischen Leistungsfähigkeit und Souveränität – und können jederzeit transparent belegen, warum Sie welche Entscheidung getroffen haben.

Fazit: Vom Buzzword zum Benchmark

Der European Sovereign Stack Standard macht digitale Souveränität erstmals messbar und vergleichbar. Für Unternehmen, die KI-Services einsetzen, bedeutet das: Sie können jetzt eine fundierte, nachvollziehbare Entscheidung treffen, statt auf Marketing-Versprechen angewiesen zu sein.

CompanyGPT unterstützt alle drei Souveränitätsstufen – von maximal souverän auf STACKIT bis pragmatisch in Azure. Unternehmen können ihre KI-Strategie schrittweise in Richtung mehr Souveränität entwickeln, ohne auf Leistungsfähigkeit verzichten zu müssen.

Digitale Abhängigkeit ist ab jetzt eine bewusste Entscheidung.


Sie möchten wissen, welche CompanyGPT-Variante zu Ihrem Souveränitätsprofil passt? Kontaktieren Sie uns für eine unverbindliche Beratung – wir ordnen Ihre aktuelle Infrastruktur gemeinsam im ES³-Rahmen ein.

Tobias Jonas
Geschrieben von

Tobias Jonas

Co-CEO, M.Sc.

Tobias Jonas, M.Sc. ist Mitgründer und Co-CEO der innFactory AI Consulting GmbH. Er ist ein führender Innovator im Bereich Künstliche Intelligenz und Cloud Computing. Als Co-Founder der innFactory GmbH hat er hunderte KI- und Cloud-Projekte erfolgreich geleitet und das Unternehmen als wichtigen Akteur im deutschen IT-Sektor etabliert. Dabei ist Tobias immer am Puls der Zeit: Er erkannte früh das Potenzial von KI Agenten und veranstaltete dazu eines der ersten Meetups in Deutschland. Zudem wies er bereits im ersten Monat nach Veröffentlichung auf das MCP Protokoll hin und informierte seine Follower am Gründungstag über die Agentic AI Foundation. Neben seinen Geschäftsführerrollen engagiert sich Tobias Jonas in verschiedenen Fach- und Wirtschaftsverbänden, darunter der KI Bundesverband und der Digitalausschuss der IHK München und Oberbayern, und leitet praxisorientierte KI- und Cloudprojekte an der Technischen Hochschule Rosenheim. Als Keynote Speaker teilt er seine Expertise zu KI und vermittelt komplexe technologische Konzepte verständlich.

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